Geschichte-SPD-Ortsverein Dippoldiswalde-Schmiedeberg

Im November 1989 fanden die ersten Abendgespräche im 1.Stock des Hauses Naundorf Nr. 29 D, der späteren "Galerie Skell" in Schmiedeberg statt. Dort fiel die Entscheidung, einen Kreisverband der Sozialdemokratischen Partei SDP in der DDR zu gründen. Der Koch Frank Schreiber aus Oberbärenburg (später Gasthof Ober-Reichstädt), der Versicherungsmitarbeiter Klaus Knoll aus Dippoldiswalde und der Diplomlandwirt Hellmuth Herrmann besiegelten diesen Beschluß und waren die ersten drei SDP-Mitglieder des am 1.12.1989 eröffneten Mitgliederverzeichnisses.

Wöchentlich versammelten wir uns mit weiteren Sympathisanten im katholischen Jugendheim "Winfriedhaus" Schmiedeberg. Mitgliedsausweise wurden ausgegeben. Am 16.Januar 1990 war dort im Saal die erste von drei Gründungsversammlungen. Von 40 Anwesenden aus Schmiedeberg und Umgebung wurden 14 Mitglied der SDP. Weiteren Zuwachs an Mitgliedern gab es bei gut besuchten Versammlungen am 30.1.1990 im Gasthof Obercarsdorf und am 12.Februar 1990 in der Mittelschule Bärenstein.

28 Mitglieder im inzwischen mit SPD bezeichneten Kreisverband zahlten je nach Einkommen Beiträge zwischen 1.- bis 20.- Mark monatlich. Am 19.Februar mieteten wir ein Büro im 1.Stock des Hauses Obertorplatz 8 in Dippoldiswalde. Dort hatten bisher u.a. die Nationale Front und die FDJ-Kreisleitung residiert. Nach energischem Kampf kam dann auch ein Telefonanschluß dazu. Klaus Knoll nahm als 2.Sprecher unsere Interessen als SPD-Kreisverband am Runden Tisch sowohl der Stadt als auch des Landkreises Dippoldiswalde wahr.

Hellmuth Herrmann wurde in einem Nachtmarathon im Haus Kreuzstraße 7 des Bezirksverbandes Dresden am 19.2.1990 auf Platz 9 der Liste der SPD im Wahlkreis 3 gewählt und zur 1. freien Wahl zur Volkskammer der DDR am 18. März 1990 aufgestellt. Ein sehr kurzer und heftiger Wahlkampf begann.

Die erste Mitgliederversammlung des SPD-Kreisverbandes fand am 1.März 1990 in der Galerie der Müllerschule Dippoldiswalde statt. Überraschend traf dort eine Delegation des SPD-Unterbezirks Breisgau-Hochschwarzwald aus Freiburg ein.

Auf der Hohen Straße in Dippoldiswalde hatte sich ein Einzelkämpfer, der einen Telefonanschluß besaß, zur SPD bekannt und Verbindung zum Büro der SPD-Ost in Berlin aufgenommen. Dort hatten unsere Freiburger zuerst gesucht. Uli Voigt, Geschäftsführer in Freiburg, sagte Hilfe zu. Wenige Tage später kam ein Freiburger Auto mit Anhänger, vollgestopft mit Schreibmaschine, Büromaterial, Papier und Plakatständern auf Holzrahmen. SPD-Freunde aus Freiburg klebten und verteilten mit uns Plakate.

Aber nachdem Bundeskanzler Kohl die Ost-CDU im Februar 1990 vereinnahmt und mit anderen Gruppierungen in Berlin die Allianz für Deutschland mit dem schnellen Beitritt der DDR nach § 23 des Grundgesetzes der Bundesrepublik proklamiert hatte, wendete sich das Blatt schroff gegen die junge SPD in der DDR. Zur SPD-Wahlversammlung am 14. März in den großen Parksaal Dippoldiswalde kamen lediglich 22 Personen. Von der Frankfurter Allgemeinen war ein prominenter Journalist angereist und berichtete in der FAZ ausführlich von der neuen SPD in Dippoldiswalde. Die Stasi-Belastung des SPD-Vorsitzenden in der DDR, Ibrahim Böhme, war bekannt geworden. Von den Gegnern wurde die SPD als Bremser der deutschen Einheit gebrandmarkt. Wir argumentierten für eine Vereinigung nach dem § 46 des Grundgesetzes. Das Wahlergebnis im Altkreis Dippoldiswalde am 18.März 1990 zur Volkskammer der DDR war enttäuschend: 7,88% für die SPD.

Zur Kommunalwahl am 6. Mai 1990 erzielten wir 4 Sitze im Kreistag, vier Sitze im Gemeinderat Schmiedeberg, je 2 im Stadtrat Dippoldiswalde und Glashütte, je einen im Gemeinderat Obercarsdorf und in Schellerhau.

Gegen den bisherigen SED-Bürgermeister gewann unser SPD-Kandidat Manfred Mirowsky die Bürgermeisterwahl im Gemeinderat Schmiedeberg mit 11 gegen 5 Stimmen.Gerald Vogel aus Ammelsdorf wurde zum ersten SPD-Kreisvorsitzenden gewählt. Er wurde als Leiter des Ordnungsamtes in die Kreisverwaltung berufen.

Gernot Bahr erwarb sich als SPD-Kreisrat von 1990 bis 1994 große Verdienste als Vorsitzender des "Ausschusses zur Vergangenheitsbewältigung" im Kreistag. Mit großer Sorgfalt hatte dieser kleine Ausschuss die von der "Gauckbehörde" eintreffenden Briefe auszuwerten und manchen aktiven Mitarbeiter des neuen Landratsamtes oder Beigeordnete des Kreistages auf die Entlassungsliste zu setzen.

Für die 1990 noch folgenden Landtags- und Bundestagswahlen in den Wahlkreisen 50 bzw. für den Bundestag 320 wurde Hellmuth Herrmann jeweils als Direktkandidat der SPD in unserem Wahlkreis nominiert. Karl-Heinz Leutert und Manfred Mirowsky vertraten unseren Kreisverband beim SPD-Bezirksparteitag am 21.Juli 1990 in Bautzen. Hellmuth Herrmann arbeitete im Bezirksvorstand Ostsachsen mit. Am 14. September 1990 war die Spitzenkandidatin für den Landtag, SPD-Bundesgeschäftsführerin Anke Fuchs, mit dem SPD-Wahlkreiskandidaten im Landkreis und später in Freital unterwegs. 150 Plakate mit dem Direktkandidaten wurden geklebt und 5 verschiedene Flugblätter verteilt. Am Tag der Einheit, am 3.Oktober 1990, pflanzten SPD-Mitglieder des Kreisverbandes mit dem Wahlkreiskandidaten an markanten Stellen von Schmiedeberg, Ammelsdorf, über Reichstädt, Röthenbach , Seyde bis nach Zinnwald Bäume der Hoffnung.

Vor der Bundestagswahl kam Regine Hildebrandt am 30.10. zur Unterstützung des Direktkandidaten in das Kulturhaus Freital. In Radeberg, Radebeul, Radeburg und überall im großen Wahlkreis 320 unterstützte Dr. Reinhard Mielitz aus Stauffen im SPD-Unterbezirk Freiburg 14 Tage lang mit seinem privaten VW -Bus den SPD-Wahlkreiskandidaten. Aber weder am 14. Oktober zum Landtag, noch am 2. Dezember 1990 für den Bundestag konnte der neue Kreisverband der SPD ein Mandat erreichen.

1991 wurden die Strukturen der SPD in unserem Gebiet neu geordnet. Der neue Landesverband Sachsen mit Sitz in Chemnitz gliederte sich in 12 Unterbezirke. Pirna wurde zum Sitz unseres Unterbezirkes mit den vier Landkreisen Dippoldiswalde, Freital, Pirna und Sebnitz. Hellmuth Herrmann wurde dort als Geschäftsführer angestellt und leitete dieses SPD-Büro in Pirna bis 2005.

In Schmiedeberg (31.1.1991), Dippoldiswalde (21.3.1991) und Glashütte (24.6.1991) wurden SPD-Ortsvereine mit damals insgesamt 32 Mitgliedern gegründet. In den Ortsvereinen standen die kommunalpolitischen Aufgaben und öffentliche Veranstaltungen im Zentrum der Arbeit.

Mit Unterstützung der Partnerorganisationen aus Rottweil und Ansbach wurde auf Initiative unserer Ortsvereine am 11.Juli 1991 in der Galerie der "Müllerschule" Dippoldiswalde der Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt für Freital und Dippoldiswalde als freier Träger der sozialen Hilfe neu gegründet. Dieser Verein wurde schnell zu einem bedeutenden Partner des Landkreises in der Kinder- und Jugendarbeit und gemeinsam mit dem Diakonischen Werk in der Suchtberatung.

An dieser Stelle soll auf die weit zurückreichenden Traditionen der Sozialdemokratie in unserem Gebiet verwiesen werden. Die Arbeiterwohlfahrt der SPD war bis zu ihrem Verbot durch die Nazis 1933 ein verläßlicher Partner der Stadträte in Dippoldiswalde und in Freital. Schon 1892 - nach dem Fall des Sozialistengesetzes - entstand in Schmiedeberg eine Ortsgruppe der SPD. 1895 wurde zum ersten Mal ein Sozialdemokrat aus unserem Wahlkreis in den Reichstag gewählt. Genosse Horn konnte den Wahlkreis auch bei den nächsten Wahlen verteidigen. Er erhielt 1903 doppelt so viele Stimmen wie seine Wahlgegner. Auch zu den Reichstagswahlen 1906 und 1912 konnte Horn den Wahlkreis für die SPD halten. Im Winter 1896 beteiligte sich die SPD-Gruppe am Wahlrechtskampf in Sachsen. Bis dahin galt das Zensurwahlrecht. Nur der, der mindestens 3 Reichsmark Einkommenssteuer bezahlte, durfte wählen. Die SPD-Abgeordneten im Sächsischen Landtag wollten mit ihrem Antrag ein allgemeines, gleiches, direktes und geheimes Wahlrecht einführen. Dazu gab es mehrere Demonstrationen. Am 3.12.1905 beteiligten sich die Schmiedeberger mit 130 Mann an der Demo in Dresden. Am 14.1.1906 waren wieder etwa 90 Mann aus Schmiedeberg dabei. Das Resultat damals war ein Vierklassenwahlsystem mit vielen Kompromissen.

Die erste große 1.Mai-Feier in Schmiedeberg fand während einer Aussperrung der Metallarbeiter 1906 statt. Ein Festzug mit 500 Personen bewegte sich vom Gasthof Schmiedeberg nach Dönschten. In den folgenden Jahren war am 1.Mai keine Arbeitsruhe. Der Arbeitergesangverein veranstaltete ein Morgensingen. Danach ging man zur Arbeit und hielt dabei Ausschau nach roten Fahnen, die über Nacht an sehr hohen Fichten am Waldrand oder auf Schornsteinen angebracht worden waren. Jäger schossen dann nach den Fahnen oder die Fichte mußte umgesägt werden. Da sich im Eisenwerk niemand fand, der die Fahne dort vom Schornstein holte, wurde ein Schornsteinfeger aus Freital für 20 Reichsmark dazu verpflichtet. Die sozialistische Arbeiterjugend hatte hier bald 120 Mitglieder, organisierte ein vielseitiges Jugendleben und errichtete 1923/1924 ein Jugendheim im Molchgrund (heute am Kindergarten Schmiedeberg).

1903 wurde in Schmiedeberg vom Gußputzer Paul Beckert (geb. 1866) der Arbeiterturnverein gegründet. Mit dem Arbeiter-Radfahrverein und dem Arbeiter-Gesangsverein wurde dieser zum Zentralverein zusammengefaßt. Die 500 Mitglieder dieser Vereine trafen sich zu ihren Übungen im Gasthof Dönschten. Der Arbeiterturnverein eröffnete vor allem für seine Kindergruppe einen Turnplatz oberhalb der Schenkgasse.

Nach dem 1.Weltkrieg kam es zur Abspaltung der USPD. Am 3. November 1918 begann die Revolution mit dem bewaffneten Aufstand der Matrosen in Kiel. Am 11.11.1918 wurden die Verwaltung und das Amtsgericht der "Amtshauptmannschaft Dippoldiswalde" dem revolutionären Arbeiter- und Soldatenrat unterstellt. Auf dem Schloß wurde die rote Fahne gehißt. Der Arbeiter Robert Helbig aus Schmiedeberg wurde zum Vorsitzenden bestimmt und nahm mit gleichen Rechten neben dem Amtshauptmann (Herr von der Planitz) Einfluß auf die Verhandlungen und Beschlüsse der Verwaltung. In Dippoldiswalde und in Schmiedeberg hatten sich Arbeiter- und Soldatenräte gebildet.1922 traten 15 Mitglieder aus der USPD aus und gründeten in Schmiedeberg die KPD.

1922 wurde das Schmiedeberger Bad auf der Hammerwiese eröffnet (bis 1962). In Obercarsdorf konnte der Arbeiterturnverein sogar eine Turnhalle bauen. Mit dem Erstarken des Nationalsozialismus und des "Stahlhelms" in den umliegenden Orten wurden in dieser Turnhalle auch Kurse zur Selbstver-teidigung abgehalten, um den Nazi-Schlägertrupps besser zu widerstehen.

1933 gab es in Schmiedeberg noch etwa 300 SPD Mitglieder. Zur Reichtagswahl am 5.März 1933 brachten Alfred Herschel und Willy Schreyer am 65 m hohen Schornstein des Eisenwerkes eine große rote Fahne an. Wieder mußte besagter Schornsteinfeger aus Freital geholt werden. Das Wahlergebnis in Schmiedeberg sah die SPD (860 Stimmen) und nicht die Nazis (457) an erster Stelle. Zur Übernahme der Macht im Gemeindeamt wurden 30 Mann SA als Hilfspolizei in Schmiedeberg stationiert. Am 22.3.1933 folgten Polizeiaktionen.

Besonders der Molchgrund und der Bauverein wurden scharf durchsucht. Aktivisten der SPD und der KPD wurden verhaftet und in das Schutzhaftlager Altenberg verbracht. Die SPD wie die KPD wurden verboten.

Die SPD gründete sich 1945 mit etwa 100 Mitgliedern im "Altenberger Hof" neu. Doch schon 1946 wurde die SPD hier - wie überall in Sachsen - zur SED zwangsvereint. Manche SPD-Mitglieder gingen nach dem Westen oder blieben heimlich SPD-Mitglied und zahlten ihren Beitrag über Verwandte im Ruhrgebiet (z.B. Karl Hesse). Ebenfalls in der noch vorhandenen Gaststätte "Altenberger Hof" gründete sich am 31. Januar 1991 der neue Ortsverein der SPD. Der Gaststättenbesitzer Herbert Claus und auch Karl Hesse wurden wie auch 1945 wieder SPD-Mitglieder.

An die große Vergangenheit der Arbeiter in Schmiedeberg und Dippoldiswalde mit vielen Mitstreitern konnte die junge SPD nicht anknüpfen. Trotz beachtlicher Ergebnisse bei den Kommunalwahlen kam für die meisten eine Mitgliedschaft nicht in Frage. Die politischen Gegner hatten mit Sprüchen wie "Freiheit oder Sozialismus" der SPD ein SED - Schmuddelbild angehängt. Auch mit der Politik der "großen" SPD in Berlin nach 2000 gingen die Mitgliederzahlen zurück.

Mit Wirkung vom 1.1.2002 schlossen sich die SPD Dippoldiswalde und die SPD Schmiedeberg in der Gaststätte "Zur Post" zu einem Ortsverein Dippoldiswalde -Schmiedeberg zusammen. Dazu gehören nun alle Mitglieder des früheren Altkreises Dippoldiswalde.